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 Anneliese Meinl, Christina Bergmann,  Juliana Lorz, Hans Lenhardt bei der Spendenübergabe(Foto WN)

„Stell ein Licht an unseren Weg“

Frau Julina Lorz hat mit einer Freundin heuer wieder Osterkerzen verziert und diese am Palmsonntag vor der Kirche Maria Hilf in Geretsried, sowie im Bauernladen am Fasanenweg zum Kauf angeboten.
Die Nachfrage war sehr groß und alle Kerzen zierten sehr bald die Ostertische.
Gerade in dieser Pandemiezeit ist es hilfreich ein Licht anzuzünden und weiterzugeben.
Der Erlös ging heuer an den Christophorus Hospizverein (430 €) an die Christina-Bergmann-Stiftung (430 €) – Kinderkrebsforschung in der Haunerschen Kindeklinik – und an das Kolpingwerk International Katastrophenfonds (128 €)
Wir bedanken uns bei allen, die unsere Osterkerzen erworben haben, für die großzügigen Spenden.

Juliana Lorz
www.tanzundbewegung-juliana.de

 


 Engagieren sich im Christophorus-Hospizverein: Michaela Seebauer (li.) und Patricia Vogl.
© Sabine Hermsdorf-Hiss

Link zum Artikel:

https://www.merkur.de/lokales/wolfratshausen/geretsried-ort46843/ich-wuerde-die-menschen-gerne-umarmen-hospizbegleiterinnen-im-interview-90167606.html

Trotz der Corona-Auflagen für Sterbende da

„Ich würde die Menschen gerne umarmen“: 
Hospizbegleiterinnen im Interview

             von Susanne Weiss Stellvertretende Redaktionsleiterin Isar-Loisachbote/Geretsrieder Merkur
             Münchner Merkur tz 

In Zeiten der Coronapandemie ist es nicht leicht, sterbenden Menschen zur Seite zu stehen. Michaela Seebauer und Patricia Vogl lassen sich jedoch nicht entmutigen.

Geretsried – Nächstenliebe zeigen die Ehrenamtlichen des Christophorus-Hospizvereins Bad Tölz-Wolfratshausen mit Sitz am Neuen Platz in Geretsried nicht nur zur Weihnachtszeit. Sie sind unermüdlich im Einsatz, um alten und einsamen, schwerstkranken und sterbenden Menschen sowie deren Angehörigen zur Seite zu stehen. Die Corona-Pandemie erschwert diese Arbeit. Michaela Seebauer (53) und Patricia Vogl (56) lassen sich jedoch nicht entmutigen. Seebauer, Pfarrsekretärin in Münsing, ist seit gut zwei Jahren Sterbebegleiterin. Seit acht Jahren engagiert sich Vogl, Verwaltungsmitarbeiterin bei der katholischen Jugendstelle in Geretsried, für den Hospizverein. Im Interview geben die beiden Wolfratshauserinnen einen Einblick in ihre Arbeit unter den derzeit schwierigen Umständen.

Frau Seebauer, als Hospizbegleiterin stehen Sie Sterbenden und deren Angehörigen zur Seite. Ist das überhaupt möglich mit physischem Abstand?

Seebauer: Es ist schwierig. Ich merke, dass sich die Menschen nach einer Berührung sehnen. Das kennt ja jeder: Wenn es einem nicht gut geht, stärkt mich eine Berührung, zeigt mir, ich bin nicht alleine. Ich würde die Menschen gerne umarmen oder ihre Hand halten. Da muss ich mich zurzeit stark zurücknehmen und diesen Impuls unterdrücken.

Frau Vogl, Sie besuchen nicht nur Menschen in ihrem Zuhause, sondern gehen auch ins AWO-Demenzzentrum in Wolfratshausen. Wie handhaben Sie es dort?

Vogl: Die Regeln besagen, dass ich jemanden berühren darf, wenn ich nur 15 Minuten bleibe und eine FFP2-Maske trage. Als ich nach dem ersten Lockdown wieder zur AWO durfte, habe ich mich noch nicht getraut, meine Patienten zu berühren. Ich war einfach verunsichert. Darum habe ich die Begleitung ein paar Wochen lang ohne gemacht. Aber das befriedigt überhaupt nicht. Ich hatte das Gefühl, da kann ich gleich wieder gehen. Gerade bei Menschen, die ich verbal nicht mehr erreichen kann, ist Berührung sehr wichtig.

Jetzt berühren Sie die Menschen aber wieder?

Vogl: Ja, ich habe meine Ängste überwunden. Und es ist viel, viel besser. Reden ist oft gar nicht nötig. Häufig reicht es schon, da zu sein und die Hand zu halten.

Davon abgesehen, wie laufen Ihre Besuche im AWO-Demenzzentrum ab?

Vogl: Ich gehe einmal in der Woche hin. Vor jedem Besuch mache ich jetzt einen Schnelltest. Bei einem negativen Ergebnis darf ich rein. Ich betreue meist zwischen zwei bis vier Patienten, aktuell sind es vier. Und bei jedem bleibe ich jetzt eben nur noch 15 Minuten. Früher war ich natürlich viel länger dort.

Das ist schade, gerade weil die Patienten dort aktuell sicher wenig Besuch bekommen.

Vogl: Ja, es ist alles sehr eingeschränkt. Die Angehörigen dürfen auch nur mit einem negativen Testergebnis rein. Aber sie müssen sich selbst um ihren Test kümmern und ihn bezahlen. Das ist eine große Hürde. Gerade wenn ein Paar getrennt ist, einer im Heim und einer daheim, dann ist diese Isolation voneinander unmenschlich. Natürlich muss man alles daran setzen, dass ein Haus gesund bleibt. Aber für die Betroffenen ist es einfach untragbar. Allein für uns ist Corona schon schlimm. Aber wenn ich krank, einsam und sterbend bin, dann ist es eine Katastrophe.

Seebauer: Der ganze Familienverbund leidet unter den Einschränkungen.

Es heißt, wenn ein Angehöriger im Sterben liegt, darf man ihn im Heim auf jeden Fall besuchen.

Vogl: Nein, weil die Auflagen zu hoch sind. Es ist für die Häuser sehr kompliziert, das zu organisieren. Und auch für die Angehörigen. Ich muss einen Termin haben, ich darf nicht länger als eine halbe Stunde bleiben und muss Abstand halten. Teilweise hat es dann noch die Plexiglasscheiben zwischen Patient und Besucher gegeben. Die Regeln sind von Haus zu Haus unterschiedlich, aber überall enorm.

Was raten Sie Angehörigen in dieser Situation?

Vogl: Auf sich aufmerksam zu machen.

Seebauer: Jede Gelegenheit nutzen, die sich bietet. Sterben ist eine endgültige Sache. Es ist eine enorme psychische Belastung, wenn Sterbende oder Angehörige in dieser Situation alleine sein müssen.

Vogl: Abschiednehmen ist schon ohne Corona schwierig, und jetzt kommen die Auflagen noch hinzu. Gerade deswegen ist es wichtig, etwas zu sagen. Wenn ich nichts sage, passiert auch nichts.

Was hat sich durch Corona bei der ambulanten Sterbebegleitung geändert, Frau Seebauer?

Seebauer: Im ersten Lockdown durfte ich auch niemanden besuchen. Jetzt ist es so, dass ich zwar keinen Test vorzeigen muss, aber sowohl ich als auch die Angehörigen unterschreiben eine Erklärung. Diese enthält unter anderem, dass wir Maske und bei Bedarf Handschuhe tragen, Abstand halten und Desinfektionsmittel mit uns führen. Und wir dürfen nichts zu trinken oder essen annehmen. Bei meiner ersten Begleitung, die ich nach dem Lockdown hatte, war der Tisch schön mit Kaffee und Kuchen gedeckt. Die Menschen haben sich so gefreut, dass ich gekommen bin. Da fällt es wahrlich nicht leicht, konsequent zu sein.

Geht Sterbebegleitung auch telefonisch, wenn ein Besuch nicht möglich ist?

Vogl: Ich habe eine ambulante Begleitung, die schon vor Corona angefangen hat. Da halte ich je nach Situation per Telefon Kontakt. Teilweise telefoniere ich auch mit Angehörigen, die ich jetzt nicht kennenlernen kann.

Wie klappt das?

Vogl: In dem einen Fall gut, weil der Patient sich noch verbal äußern kann. Ein Austausch mit Angehörigen ist auch jederzeit möglich. Es ist kein Ersatz, doch durch Telefonate können wir etwas auffangen, was uns sonst verloren geht. Aber wo Sprache nicht möglich ist, ist Hospizarbeit jetzt sehr, sehr schwer.

Ich vermute, aufgrund der widrigen Umstände findet aktuell weniger Hospizbegleitung statt als vor Corona?

Vogl: Wir sind etwa 50 Hospizbegleiterinnen, die im Landkreis tätig sind. Jetzt in der Corona-Zeit sind aber nur rund zehn davon aktiv. Dazu kommen zwei, drei, die nur telefonisch begleiten. Es ist eine persönliche Entscheidung. Wir tragen Verantwortung.

Seebauer: Und manche Hospizbegleiter zählen selbst zur Risikogruppe, was unter anderem auch ein Grund dafür sein kann, dass einige gerade nicht im Einsatz sind.

Warum sind Sie beide dennoch weiterhin aktiv?

Vogl: Ich wäge nach jeder neuen Bekanntmachung ab, wo ich stehe. Wir sind berufstätig und haben große Familien. Da bleibt mit oder ohne Hospizbegleitung ein Restrisiko. Aber der Mehrwert, es zu tun, wiegt für mich höher.

Seebauer: Dem kann ich mich nur anschließen.

Worin besteht dieser Mehrwert für Sie?

Vogl: Für Menschen da zu sein, die es ganz bitternötig haben.

Seebauer: Ihnen Zeit zu schenken, ihnen zuzuhören, die Gelegenheit zu geben, Luft zu holen, auf andere Gedanken zu kommen. Angehörigen eine Auszeit zu gönnen.

Wenn jemand im Sterben liegt, ist Corona da überhaupt ein Thema?

Vogl: Ich glaube, es gibt im Moment keinen Bereich, in dem Corona kein Thema ist.

Seebauer: Ein Treffen fängt ja schon damit an, dass wir erst das Formelle bezüglich Corona ansprechen, zum Beispiel dass wir uns nicht die Hände geben können. Bei meiner letzten Begleitung hat sich das Gespräch aber dann unmittelbar dem Privaten und dem Kennenlernen gewidmet. Wenn jemand im Sterben liegt, ist die verbleibende Zeit sehr kostbar. Da sollten die begleitenden Menschen nicht mit einer weiteren Krankheitsthematik belastet werden.

Vogl: Es ist auch unsere Aufgabe, das verbleibende Leben gemeinsam so gut es geht zu gestalten.

Wie geht es Ihnen mit all den Einschränkungen?

Vogl: Wir sind dankbar für alles, was wir tun dürfen. Die Einschränkungen sind groß. Aber alles was in diesem Rahmen angeboten werden kann, ist besser als nichts.

Wie verarbeiten Sie es, wenn Sie gerne mehr da sein würden, als es Ihnen aktuell möglich ist?

Seebauer: Ich gehe meist nach einem Besuch noch eine Runde spazieren und lasse mir bewusst alles nochmals durch den Kopf gehen.

Vogl: Ja, in der Natur reflektieren, das hilft auf alle Fälle.

Tauschen sich die Hospizbegleiterinnen untereinander aus?

Seebauer: Normalerweise haben wir regelmäßige Treffen zur Supervision, aber das war im Frühjahr nicht möglich. Inzwischen treffen wir uns in kleineren Gruppen, wenn die Situation es erlaubt. Aber in der Geschäftsstelle sind auch unsere Koordinatorinnen telefonisch für uns erreichbar, wenn ein Austausch oder eine Rücksprache notwendig ist.

sw

Veröffentlich mit freundlicher Genehmigung der Redaktion des Isarloisachboten/Geretrieder Merkur


 


Frau Leinauer, wie verändert es den Blick auf das Leben, wenn sich der Berufsalltag vor allem um den Tod dreht?


Von Berufswegen hat sich für mich persönlich nicht so viel verändert an der Einstellung zum Leben und zum Tod, glaube ich. Ich hatte schon länger die grundlegende Sicht, dass es zum Leben dazu gehört, in dieses Leben zu treten und natürlich auch, wieder aus diesem auszuscheiden. Deshalb habe ich das Leben als solches schon immer sehr wert geschätzt und darauf geachtet, es zu nutzen. Ganz unverändert bleibt eine solche Einstellung aber nicht durch mein Berufsleben. Dadurch, dass ich sehr regelmäßig Menschen kurz vor dem Ende ihres Lebens kennen lerne und somit viel häufiger als andere mit dem Tod konfrontiert werde, bin ich wahrscheinlich noch dankbarer geworden, für das was ich im Leben habe. Entscheidungen, für die viele Menschen wahrscheinlich sehr lange brauchen, treffe ich bewusster und konsequenter.

Von welchen Entscheidungen sprechen Sie?

Was möchte ich eigentlich machen? Wo möchte ich hin? Solche grundlegenden Lebensentscheidungen meine ich.

Wie sieht denn Ihr Berufsalltag aus?

Normalerweise bekommen wir Anrufe von Erkrankten oder von Angehörigen. In diesen Telefonaten geht es dann viel darum, wo diese Menschen stehen, welche Bedürfnisse sie haben, was los ist und welche Form der Begleitung sie brauchen. Wenn sich die Menschen das wünschen – in den meisten Fällen ist das auch so – besuchen wir sie zuhause oder im Pflegeheim und schauen uns die Situation vor Ort an. Da bringen wir viel Zeit mit, können uns der Situation wirklich annehmen und das ist meistens sehr wertvolle Zeit für uns und für die Menschen, denen wir sie schenken.

Und dann begleiten Sie die Personen bis zum Ende?

Das übernehmen unsere ehrenamtlichen Hospizbegleiter, mit denen wir immer in Kontakt stehen. So erfahren wir, welche Herausforderungen es gerade gibt oder wenn sich die Situation zu einer Krise entwickelt. Für viele Menschen ist es schwer vorstellbar, tagtäglich fremde Menschen auf ihrem letzten Weg zu begleiten.

Welche Art Mensch nimmt das denn ehrenamtlich auf sich?

Eigentlich kann das jeder machen, glaube ich, der die Entscheidung getroffen hat, sich engagieren zu wollen. Es braucht schon auch eine grundlegende Offenheit, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Jeder, der der Thematik offen entgegentritt, kann diese Arbeit machen. Die Frauen und Männer werden von uns in einem Kurs, der 100 Stunden umfasst,  ausgebildet und auf die ehrenamtliche Hospizbegleitung vorbereitet.

Ein Kurs über den Tod?

Nicht nur. Wir sehen Sterbebegleitung als Lebensbegleitung. Aber man setzt sich natürlich auch mit der eigenen Endlichkeit auseinander, klar. In den ersten Schritten der Ausbildung nimmt man sich viel Zeit für seine eigene Biographie und für die Themen Verlust und Trauer. Man reflektiert dabei, wie man selbst trauert und Trauer erlebt hat, wie es einem damit ging und wie man lernt, damit umzugehen. Was für viele bestimmt heftig ist, sind die Übungen, in denen man sich vorstellt, selbst krank zu werden. Man befasst sich darin auch viel mit der Frage, worauf man eigentlich verzichten könnte und was man bis zum Ende hin unbedingt behalten möchte.

Und wie beantworten die Teilnehmer diese Frage?

Zum Schluss bleibt von den anfangs sehr vielen Sachen nur noch sehr wenig übrig. Die meisten hadern damit, aus dem Bereich Beziehungen etwas zu streichen. Darauf legt fast jeder besonders großen Wert. Was hingegen sehr schnell gestrichen wird, sind materielle Sachen. Das fällt den wenigsten schwer, sich vorzustellen, darauf zu verzichten. Wir beobachten aber schon, dass die meisten Teilnehmer bei diesen Fragen sehr, sehr nachdenklich werden.

Im Kern geht es dabei doch um die Frage: „Was ist im Leben eigentlich etwas wert?“

Ja, genau. In den Kursen wird das in der Theorie besprochen – bei der Hospizbegleitung zeigt sich die Antwort auf diese Frage vielleicht etwas klarer.

Was ist es, was den Sterbenden wirklich etwas wert ist?

Ich glaube, es sind genau die zwischenmenschlichen Aspekte. Viele glauben, dass vor allem körperliche Fähigkeiten eine ganz große Bedeutung haben, aber wir erleben das etwas anders. Gerade die Menschen, die schon lange erkrankt sind, büßen mit der Zeit viele körperliche Funktionen ein. Damit können sich viele aber relativ gut arrangieren und sich Hilfsmittel besorgen. Das ist nicht einfach, aber es ist ein Prozess, den wir fast immer beobachten können. Was am Schluss dann bleibt, das sind menschliche Beziehungen. Den Personen, die wir begleiten, ist es unwahrscheinlich wichtig, dass sie das behalten – genau wie das, was sie brauchen, um solche Beziehungen überhaupt führen und wahrnehmen zu können.

Welche Dinge bereuen Menschen in ihren letzten Tagen?

Es ist ganz unterschiedlich, wie viel man bereut oder ob man das überhaupt kurz vor dem Tod tut. Das ist eine Einstellungsfrage und hängt natürlich sehr viel damit zusammen, wie man sein Leben gestaltet hat und was man erlebt hat. Es gibt im Leben Unterschiede und die gibt es auch im Sterben. Das zeigt sich auch an der Vielfalt an Dingen, mit denen manche Sterbende nie Frieden schließen. Viele hadern bis zuletzt mit Dingen, die sie falsch gemacht haben oder mit Taten, die sie nicht hätten tun sollen. Auch Beziehungen sind ein Faktor, wenn man sich aus Vernunft gegen eine Beziehung entschieden hat. Zum Beispiel, dass man eine große räumliche Distanz nicht überbrückt hat, weil man in seiner Heimat einem Beruf nachgeht und deshalb dann eine Beziehung endet. Ein ganz großer Punkt sind vor allem die Dinge, die man eben nicht gemacht hat.

Was sind das für Themen? Gibt es trotz aller Unterschiede auch Gemeinsamkeiten im Bereuen?

Ja, die gibt es. Häufig sind es Träume, die man lange vor sich her geschoben hat. So lange, bis es dann eben zu spät ist. Schwierig ist das oft deshalb, weil Sterben ja kein fixer Zeitpunkt ist. Überspitzt gesagt: Sobald man lebt, besteht die theoretische Chance, dass man stirbt. Niemand weiß, wie lange man Träume aufschieben kann. Viele nehmen sich ganz viele schöne Sachen für die Rente vor, ohne zu wissen, ob man diese Zeit dann überhaupt erlebt oder ob man in diesem Alter dann noch genügend körperliche Fähigkeiten hat, sich diese Wünsche dann noch zu erfüllen.

Das heißt, der Schlüssel zum Glück ist es, seine Träume möglichst sofort umzusetzen?

So einfach ist es nicht, glaube ich. Träume zu haben ist ja oftmals auch schön. Ich meine, wenn man sich Dinge ausmalt, die man irgendwann erleben möchte, eine Vorfreude darauf entwickelt, dann motiviert das auch. Wenn man jedes Bedürfnis sofort befriedigt, wo bleibt dann diese Vorfreude? Die fällt dann weg, und das ist schade, weil dieses Gefühl ja auch ein sehr schönes sein kann. Es hat doch auch etwas, wenn man sich Träume nicht erfüllen kann. Das klingt vielleicht widersprüchlich, ist es aber nicht.

Aber es hat doch jeder schon erlebt, dass die Vorstellung von etwas noch schöner ist, als wenn dieser Zustand dann eintritt, oder?

Bestimmt. Es klingt aber zugegebenermaßen nach einem Zwiespalt.

Wir haben viel darüber gesprochen, was man denn im Sterben bereut. Wofür sind die Menschen dankbar?

Zum Glück gibt es sehr viele Menschen, die am Ende ihres Lebens mit Überzeugung sagen können, dass sie ein schönes Leben hatten und Dinge getan haben, die sie erfüllt haben. Bei älteren Ehepaaren ist das beispielsweise oft wahnsinnig berührend, wenn sie gemeinsam zurückblicken auf die wunderbar lange Zeit, die sie miteinander verbracht haben. Das hatte oft Höhen und Tiefen. Über die Höhen freuen sie sich im Rückblick. Und wenn sie an die Tiefen denken, freuen sie sich gemeinsam darüber, auch diese schweren Situationen gemeistert zu haben. Diese Dankbarkeit spüren wir im Kontakt sehr deutlich. Das berührt einen sehr.

Gemischt mit einer großen Traurigkeit, vermutlich?

Ja. Wenn etwas so Schönes vorbeigeht, dann mischt sich Dankbarkeit mit Trauer. Das fällt vielen natürlich schwer. Manche verspüren Wut darüber, dass sie alleine gelassen werden und dass das vorbei geht. Aber auch daraus nehmen wir in der Begleitung viel mit. Die meisten Hospizbegleiter treten in dem Glauben an, dass sie den Menschen etwas geben können. Am Schluss sind es aber auch sie, die ganz viel mitnehmen.

Was denn?

Ich weiß nicht, ob es dafür Wörter gibt.

Versuchen Sie bitte, es zu formulieren.

(überlegt lange) Es ist ein Bewusstsein dafür, wie wertvoll das Leben ist, was für ein wertvolles Geschenk die Zeit eigentlich ist, die wir alle haben. Zeit ist ein ganz wichtiges Gut. Das lernt man. Auch wenn das manchmal in der modernen Welt verloren geht, in der alles so wahnsinnig schnell passiert. In der Hospizbegleitung stellen wir alle fest, was es denn heißt, da zu sein und einen anderen Menschen wahrzunehmen. Man merkt auch, dass nicht immer Worte das Wichtige sind, sondern auch Schwingungen, und die Art und Weise wie man da ist. Das gibt einem ein wohliges Gefühl für das Leben.

Das klingt recht spirituell…

…weiß ich nicht. Aber es ist schon so, das beobachten wir tagtäglich, dass viele Menschen, die sich mit ihrem baldigen Tod arrangiert haben, etwas mitbringen, das wir so nicht kennen in unserem Leben. Es schwingt etwas mit, was schwer zu erklären ist. Aber auch das ist unterschiedlich und verschieden ausgeprägt.

Es sind viele Unterschiede, die Sie heute ansprechen. Gibt es dann überhaupt eine Antwort auf die Frage, was im Leben wirklich einen Wert hat?

Es gibt so viele Antworten, wie es Menschen gibt. Jeden erfüllt etwas anderes. Jeder möchte etwas anderes und jeder hat andere Träume. Deshalb muss jeder die Frage für sich ganz persönlich beantworten. Ein Schlüssel ist vielleicht, das Leben zu nehmen, wie es ist und zu beobachten, was man selbst damit macht und was das Leben mit einem macht. Und wichtig ist es bestimmt, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen. Das hilft oft.  Mit dem Wissen, dass es den Tod gibt, gestalte ich mein Leben bewusster und achtsamer.

 


Isar Loisachbote, 10.10.2020

Kompass für den letzten Weg

WELT-HOSPIZTAG Christophorus-Hospizverein bietet Letzte-Hilfe-Kurse an

VON DOMINIK STALLEIN Bad-Tölz-Wolfratshausen – Fast jeder erwachsene Mensch hat in seinem Leben einen Erste- Hilfe-Kurs absolviert. Was man unter Letzter Hilfe versteht, wissen allerdings die wenigsten. In den Kursen, die der Christophorus Hospizverein im Landkreis anbietet, geht es nicht darum, im Notfall Leben zu retten. Die Teilnehmer lernen vielmehr, wie sie einen sterbenden Angehörigen auf seinem letzten Weg würdevoll und angemessen begleiten. Der Tod sei für viele Menschen immer noch ein Tabuthema, meint Elke Holzer vom Hospizverein. „Die Letzte Hilfe ist ein Konzept, mit dem die Menschen geschult werden, wie sie normaler und natürlicher mit dem Tod umgehen können.“

Gemeinsam mit der Tölzerin Heidemarie Piffl lehrt die Eurasburgerin Maßnahmen der Letzten Hilfe, die der Palliativ-mediziner Dr. Georg Bollig entwickelt hat. Der Hintergrund des Konzepts ist schnell erklärt: „Der Großteil der Menschen wünscht sich, zu Hause zu sterben“, erklärt Holzer. „Trotzdem sterben die meisten im Krankenhaus.“ Viele Angehörige würden sich nämlich mit der Pflege und Betreuung der Sterbenden überfordert fühlen. Das sollen laut Holzer „doch lieber die Experten in der Klinik machen“. Sie hält das für eine verständliche Reaktion, „aber man kann lernen, wie man mit dem Tod umgeht“. In den Kursen bekommen die Teilnehmer erklärt, das Sterben als einen Teil des Lebens zu begreifen. Sie lernen, was sie über Vorsorgevollmachten und Patientenverfügungen wissen müssen. „Das ist für viele Pflegende wichtig, weil sie durch solche Weichenstellungen eben nicht hilflos und dank verschiedener Ansprechpartner nicht alleine sind“, sagt Piffl. Wer einen Angehörigen in seiner letzten Lebensphase angemessen begleiten möchte, muss die körperlichen, psychischen und sozialen Nöte der Sterbenden verstehen und lindern können – auch das wird in den Kursen des Hospizvereins vermittelt. „Es ist eine große Angst vieler Menschen, dass sie unter Schmerzen und Leid sterben müssen“, weiß Holzer.

Wer sich in der letzten Hilfe auskennt, kann seinen Angehörigen seinen Weg erleitern. „Man muss kein Mediziner sein, um in vielen Fällen zu helfen“, so die erfahrene Hospizbegleiterin weiter. In kniffligen Momenten sei es besonders wichtig, ruhig und besonnen mit der Situation und dem Thema Tod umzugehen. Das hört sich leichter, als es den meisten Angehörigen bei einem geliebten Menschen fällt. Holzer, von Beruf Krankenschwester, hätte selbst „nie gedacht, dass mich das Thema Tod einmal stark belasten würde“. Im familiären Kreis machte sie jedoch genau die Erfahrung, die viele Menschen durchleben, wenn ein geliebter Angehöriger stirbt. Der Perspektivwechsel hat ihr etwas aufgezeigt: „Trauer gehört zum Abschiednehmen dazu.“ Im geschützten Rahmen der Kurse können die Teilnehmer Erfahrungen austauschen, Trauer zulassen, und „dann fließen schon mal Tränen“. Schwermütig laufen die vier Kursstunden trotzdem nicht immer ab. „Wir versuchen, das Thema normaler zu machen und als etwas Natürliches zu behandeln“, bekräftigt Piffl. Die beiden Kursleiterinnen betonen zudem, was diese Arbeit einem geben kann: „Es erfüllt einen mit einer tiefen Demut und Dankbarkeit, jemanden auf dem letzten Weg zu begleiten.“ Das gelte übrigens auch dann, „wenn es unglaublich traurig ist“.
Letzte Hilfe Kurse
Der Christophorus Hospizverein Bad Tölz-Wolfratshausen bietet in regelmäßigen Abständen Kurse am Neuen Platz Geretsried an. Am Freitag, 13. November, gibt es noch freie Plätze.
Weitere Infos unter Ruf 0 81 71/ 99 91 55

Expertinnen in Sachen Letzter Hilfe: Die Tölzerin Heidemarie Piffl (li.) und die Eurasburgerin Elke Holzer vom Christophorus Hospizverein Bad Tölz-Wolfratshausen.



!!! WIR SIND WIEDER FÜR SIE DA !!!

Auf Grund der Vorgaben des Staatsministeriums für Gesundheit und in Absprache mit dem örtlichen Gesundheitsamt haben wir unsere Aufgaben der Hospizbegleitung und der persönlichen Beratung wieder aufgenommen.
Nach vorheriger Terminvereinbarung beraten wir auch gern wieder in unserer Geschäftsstelle.
Es werden bei allen Kontakten die nötigen Schutzmaßnahmen, wie das Tragen eines Mund-Nasenschutzes, die regelmäßige Händedesinfektion und das Einhalten des Abstandes beachtet.
Alle Betroffene erreichen eine Ansprechpartnerin telefonisch jeden Montag zwischen 10.00 und 12.00 Uhr und zwischen 16.00 und 18.00 Uhr
jeden Donnerstag zwischen 10.00 und 12.00 Uhr


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